Künstliche Intelligenz verändert die Art, wie wir arbeiten, auch in der Buchhaltung. Aber was bringt ChatGPT einem Freelancer in der Schweiz tatsächlich? Kann man damit die Steuererklärung machen? Darf man Finanzdaten eingeben? Und welche Schweizer Buchhaltungstools setzen bereits auf KI?
In diesem Artikel trennen wir Hype von Realität und zeigen dir, wie du KI heute schon sinnvoll für dein Business einsetzt, ohne dich in Datenschutz-Fallen zu begeben.
Was KI für Selbständige leisten kann
1. Texte schreiben: E-Mails, Offerten, Mahnungen
Der grösste praktische Nutzen von ChatGPT für Freelancer liegt im Schreiben. Statt 20 Minuten an einer Zahlungserinnerung zu feilen, beschreibst du die Situation in zwei Sätzen und bekommst einen professionellen Text zurück.
Konkrete Einsatzgebiete:
- Zahlungserinnerungen in verschiedenen Eskalationsstufen (freundlich bis bestimmt)
- Angebotstexte auf Basis von Stichpunkten
- E-Mails an Kunden (Nachfassen, Absagen, Terminbestätigungen)
- Rechnungsbegleittexte für professionelle Korrespondenz
Das spart Zeit und liefert bessere Ergebnisse als die meisten Freelancer selbst schreiben würden, besonders wenn Deutsch nicht die Muttersprache ist.
2. Buchhaltungskonzepte verstehen
Du fragst dich, was der Unterschied zwischen Erfolgsrechnung und Bilanz ist? Ob du die einfache oder doppelte Buchhaltung brauchst? Was der Saldosteuersatz bedeutet?
ChatGPT erklärt Buchhaltungskonzepte erstaunlich gut, in einfacher Sprache und mit Beispielen. Statt stundenlang Artikel zu lesen, bekommst du in 30 Sekunden eine verständliche Erklärung.
Wichtig: Die Erklärungen sind generisch. Für deine spezifische Situation (Kanton, Branche, Umsatzhöhe) können Details abweichen.
3. Ausgaben kategorisieren
"Ist das Mittagessen mit dem Kunden eine Repräsentationsausgabe oder Verpflegung?" Solche Fragen tauchen ständig auf. ChatGPT kann dir helfen, Ausgaben den richtigen Konten im Schweizer KMU-Kontenrahmen zuzuordnen.
4. Marketing-Inhalte erstellen
LinkedIn-Posts, Website-Texte, Social-Media-Content: KI kann dir helfen, dein Angebot sichtbar zu machen, ohne dass du einen Texter beauftragen musst.
5. Verträge und Dokumente vorbereiten
ChatGPT kann Entwürfe für einfache Verträge, AGB oder Datenschutzerklärungen erstellen. Aber: Für rechtlich verbindliche Dokumente solltest du immer eine Fachperson beiziehen.
Konkrete Prompt-Beispiele für den Alltag
Hier sind Prompts, die du direkt verwenden kannst:
Zahlungserinnerung schreiben
Schreibe eine freundliche aber bestimmte Zahlungserinnerung
auf Deutsch für einen Schweizer Kunden. Die Rechnung
(Nr. 2026-042) über CHF 3'500 ist seit 14 Tagen überfällig.
Neue Zahlungsfrist: 10 Tage. Ton: professionell, nicht
drohend. Erwähne die QR-Rechnung im Anhang.
Ausgaben zuordnen
Ich bin selbständig in der Schweiz (Einzelfirma) und nutze
den Schweizer Kontenrahmen KMU. Ordne folgende Ausgaben
den richtigen Konten zu:
1. Mittagessen mit Kunde - CHF 85
2. Druckertinte - CHF 45
3. Zugticket Zürich-Bern für Kundentermin - CHF 51
4. Monatliche Adobe-Lizenz - CHF 65
5. Berufshaftpflichtversicherung - CHF 120
Erkläre kurz, warum du diese Zuordnung gewählt hast.
Steueroptimierung allgemein
Ich bin selbständig in der Schweiz, Kanton Zürich,
Einzelfirma. Mein Gewinn dieses Jahr beträgt ca. CHF 90'000.
Welche legalen Möglichkeiten habe ich, meine Steuerlast zu
reduzieren? Denke an: Säule 3a, Pensionskasse,
Abschreibungen, Homeoffice-Abzug.
Bitte mit Hinweis, dass ich dies mit meinem Treuhänder
besprechen sollte.
Offerte erstellen
Erstelle eine professionelle Offerte auf Deutsch für folgende
Dienstleistung: Redesign einer Website mit 8 Unterseiten.
Kunde: Zahnarztpraxis in Zürich. Umfang: ca. 40 Stunden.
Stundensatz: CHF 150. Gültigkeitsdauer: 30 Tage.
Zahlungsbedingungen: 30 Tage netto.
Wo KI gefährlich wird
Falsche Steuer- und Rechtsauskünfte
Das grösste Risiko: ChatGPT halluziniert. Es erfindet Informationen, die überzeugend klingen, aber sachlich falsch sind. Besonders bei Schweizer Steuerrecht ist das problematisch, weil:
- Es kantonale Unterschiede nicht zuverlässig kennt
- Es aktuelle Gesetzesänderungen möglicherweise nicht berücksichtigt
- Es keine individuelle Steuerberatung leisten kann
- Es zwischen deutschem, österreichischem und schweizerischem Recht verwechselt
Faustregel: KI-Antworten zu Steuern und Recht immer mit einer offiziellen Quelle (ESTV, kantonales Steueramt) gegenchecken. Für die Steuererklärung als Selbständiger bleibt der Treuhänder die bessere Wahl.
Datenschutz: Finger weg von echten Finanzdaten
Seit dem neuen Datenschutzgesetz (nDSG) vom 1. September 2023 gelten strengere Regeln für den Umgang mit Personendaten. Das betrifft auch die Nutzung von KI-Tools.
Was du wissen musst:
| ChatGPT-Version | Daten für Training genutzt? | DPA verfügbar? | Für Geschäftsdaten geeignet? |
|---|---|---|---|
| Free | Ja | Nein | Nein |
| Plus ($20/Mt.) | Standardmässig ja, abschaltbar | Nein | Bedingt |
| Team ($25/Mt.) | Nein | Ja | Ja |
| Enterprise | Nein | Ja | Ja |
Konkret heisst das: Gib in die kostenlose ChatGPT-Version keine echten Kundennamen, Rechnungsbeträge, Bankdaten oder Lohnabrechnungen ein. Es gab bereits Fälle, in denen KI-Chatverläufe über Suchmaschinen indexiert und öffentlich auffindbar wurden.
Sicher arbeiten:
- Anonymisiere alle Daten bevor du sie eingibst (Firma X, Betrag Y)
- Nutze die Team- oder Enterprise-Version für regelmässige geschäftliche Nutzung
- Oder nutze Schweizer KI-Tools, die Daten in der Schweiz speichern
KI ersetzt keinen Treuhänder
Für einfache Fragen und Alltagsaufgaben ist KI ein starker Assistent. Aber bei folgenden Themen brauchst du nach wie vor einen Menschen:
- Komplexe Steueroptimierung (Einzelfirma → GmbH Umwandlung)
- MWST-Abrechnungen mit Sonderfällen
- Jahresabschlüsse und Revisionen
- Steuerrechtliche Auseinandersetzungen mit Behörden
- Individuelle Vorsorgeplanung
Schweizer Buchhaltungstools mit KI
Die Zukunft ist nicht "ChatGPT für die Buchhaltung", sondern KI direkt in der Buchhaltungssoftware. Hier ein Überblick, welche Schweizer Tools bereits KI einsetzen:
Bexio
Bexio hat Ende 2025 das KI-Startup Kontera übernommen und rollt 2026 schrittweise einen KI-Agenten aus, der Belege automatisch verbucht: "Beleg rein, Buchung raus". Zusätzlich gibt es seit 2023 eine KI-gestützte Belegerkennung. Bexio wird von rund 90'000 Schweizer Unternehmen genutzt.
KLARA
KLARA setzt auf KI-gestützte Belegverarbeitung mit automatischer Bankabstimmung und Lieferantenerkennung. Die KI analysiert Belege, erkennt Beträge und Zahlungsfristen und schlägt passende Buchungen vor.
Milkee
Milkee bietet KI-Belegerkennung und automatische Buchungsvorschläge zu Banktransaktionen. Nutzer berichten von bis zu 2,5 Stunden weniger Aufwand pro Woche.
Infinity.swiss
Der "AI-First"-Anbieter aus Zürich. Live Capture erkennt Rechnungsinhalte automatisch, Instant Fill vervollständigt Offerten und Rechnungen basierend auf früheren Aufträgen. Über 70'000 automatisierte Buchungen pro Jahr.
Swiss21 / AbaNinja
Kostenlose Buchhaltung mit KI-Erweiterung. Die AbaClik AI App ermöglicht KI-gestützte Spesen- und Zeiterfassung. Unterstützt vom grössten Schweizer ERP-Anbieter Abacus.
Was diese Tools gemeinsam haben
Die KI in Buchhaltungssoftware funktioniert anders als ChatGPT. Sie ist:
- Spezialisiert auf Schweizer Kontenrahmen und Steuerrecht
- Trainiert auf echte Buchhaltungsdaten (nicht auf allgemeines Wissen)
- Datenschutzkonform (Daten bleiben in der Schweiz)
- Geprüft durch menschliche Kontrolle
Das Ergebnis: Weniger Fehler, weniger Aufwand, mehr Automatisierung, ohne die Risiken von allgemeinen KI-Chatbots.
KI verändert die Treuhand-Branche
Was bedeutet das für die Zukunft der Buchhaltung in der Schweiz?
51% des Umsatzes von Treuhandunternehmen stammt aus Buchhaltung und Abschlusserstellung, genau der Bereich, den KI am stärksten automatisiert. Im Dezember 2025 hat Treuhand Suisse zusammen mit Connect AI den TreuhandGPT lanciert, eine branchenspezifische KI-Lösung, bei der alle Daten in der Schweiz bleiben. Über 2'000 Treuhandbüros haben bereits Zugang.
Was das für dich als Freelancer bedeutet:
- Einfache Buchhaltungsarbeiten werden günstiger (KI senkt den Aufwand)
- Treuhänder haben mehr Zeit für wertvolle strategische Beratung
- Du kannst einfache Buchhaltung zunehmend selbst erledigen, mit KI-gestützter Software
- Für komplexe Fälle bleibt der Treuhänder unverzichtbar
Ob du deine Buchhaltung selber machst oder einem Treuhänder übergibst, hängt von deiner Situation ab. KI macht die Selbstvariante aber immer attraktiver.
Best Practices: KI sicher nutzen
Do's
- Anonymisiere immer: Ersetze echte Namen und Beträge durch Platzhalter
- Gegenchecken: Jede KI-Antwort zu Steuern oder Recht mit offizieller Quelle verifizieren
- Kontext geben: Im Prompt immer angeben: "Schweiz, Kanton X, Einzelfirma, Umsatz ca. Y"
- Als Entwurf behandeln: KI-generierte Texte immer überprüfen und anpassen
- Schweizer Tools bevorzugen: Wenn möglich KI-Funktionen in Schweizer Software nutzen
Don'ts
- Keine echten Finanzdaten in ChatGPT Free/Plus eingeben
- Keine Steuererklärung von der KI ausfüllen lassen
- Keine Verträge ungeprüft übernehmen
- Nicht blind vertrauen: KI macht Fehler, besonders bei Schweizer Spezifika
- Keine Kundendaten teilen (Namen, Adressen, Rechnungsbeträge)
Welches KI-Tool für welchen Zweck?
| Aufgabe | Bestes Tool | Warum |
|---|---|---|
| E-Mails und Texte schreiben | ChatGPT oder Claude | Vielseitig, gute Textqualität |
| Steuerfragen recherchieren | Perplexity | Liefert Quellenangaben mit |
| Buchhaltung automatisieren | Schweizer Software (Bexio, KLARA, Pfeffersack) | Datenschutzkonform, spezialisiert |
| Office-Dokumente bearbeiten | Microsoft Copilot | Direkt in Word, Excel, Outlook integriert |
| Google Workspace nutzen | Google Gemini | Gmail, Docs, Sheets Integration |
Für den Einstieg reicht die kostenlose Version von ChatGPT oder Google Gemini. Für regelmässige geschäftliche Nutzung lohnt sich ein Team-Abo ($25/Monat) wegen des Datenschutzes.
Fazit
KI ist kein Zukunftsthema mehr, sondern Realität in der Schweizer Buchhaltung. Der grösste Nutzen für Freelancer liegt heute im Texteschreiben, im Verständnis von Buchhaltungskonzepten und in der automatisierten Belegverarbeitung durch spezialisierte Software.
Was KI nicht kann: individuelle Steuerberatung, verbindliche Rechtsauskünfte und den gesunden Menschenverstand ersetzen. Nutze sie als Assistenten, nicht als Experten. Und achte auf den Datenschutz: keine echten Finanzdaten in kostenlose KI-Tools eingeben.
Die Kombination aus guter Buchhaltungssoftware mit eingebauter KI und einem Treuhänder für die komplexen Fälle. Das ist der Sweet Spot für 2026.
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